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06.09.2005


Mittelalterliche Investruine Mit der Schau „Von blutenden Hostien, frommen Pilgern und widerspenstigen Nonnen“ arbeitet das Kloster Stift Heiligengrabe den eigenen Mythos auf




FRANK KALLENSEE

Juden hätten eine Hostie geschändet. Hieß es. Wieder mal. Und wieder einmal habe die Oblate zu bluten begonnen und anschließend Wunder gewirkt. Deshalb sei 1287 in Heiligengrabe ein Zisterzienserinnenkonvent angesiedelt und 1512 eine Heilig-Grab-Kapelle geweiht worden. Diese antijüdische Gründungslegende hat Äbtissin Anna von Rohr 1532 malen lassen. Glaubhafter ist sie dadurch nicht geworden.

Von den 15 Temperatafeln existieren noch sieben. Was angesichts von Reformation und Bildersturm, Dreißigjährigem Krieg, Hitler und Realsozialismus wohl wirklich als Wunder zu betrachten ist. Vergleichbares gibt es nämlich nur noch in Deutschlands katholischem Süden, in Altötting und Mariazell. Von den sieben Gemälden hängen sechs in der Ausstellung, mit der sich das Stift Heiligengrabe als Mittäter in der aktuellen Kulturland-Kampagne „1000 Jahre Christentum in Brandenburg“ bekennt. Erwartungsgemäß sollte, als sich Mitte 2004 die ersten Überlegungen zum Projekt zu einem Konzept fügten, „Von blutenden Hostien, frommen Pilgern und widerspenstigen Nonnen“ die Rede sein. Da wusste das Macherteam allerdings noch nicht, wie Äbtissin Friederike Rupprecht freundlich einräumt, „zu welch unerwarteten Ergebnissen“ es kommen sollte.

Das wichtigste Resultat vorneweg. Der Theologe Hartmut Kühne, Kenner der spätmittelalterlichen Pilgerszene, entlarvt die Heiligengraber Gründungslegende als rüde Geschäftsidee. „Neudeutsch würden wir von ,Fake’ sprechen, erst 1521 in Rostock publiziert und in die klösterliche Anfangszeit zurückdatiert, um eine möglichst einträgliche Wallfahrt anzuschieben.“ Tatsächlich ähnelt das vermeintliche Heiligengraber Ereignis, was Ablauf und Personnage betrifft, auffällig einem angeblichen Hostienfrevel im mecklenburgischen Sternberg 1492. Der gerade erfundene Buchdruck – Flugschriften erschienen dazu in Köln, Lübeck und Magdeburg – hatte das Geschehen reichsweit populär gemacht. So populär, dass es Hartmann Schedel 1493 im Schlusskapitel seiner berühmten „Weltchronik“ erwähnte. Die (Print-)Medienrevolution inspirierte Nachahmer: In Heiligengrabe zum Beispiel. Oder zuvor im kurbrandenburgischen Dorf Knoblauch, wo sich ein Hostienklau 1510 zu einem üblen Pogrom in Berlin auswuchs. Die Messer, mit denen der „Leib Christi“ gestochen worden sein soll, verwahrt Brandenburgs Dommuseum. Jetzt liegen sie als obskure Leihgaben unter Glas.

Antisemitisch waren die Heiligengraber Nonnen also zweifellos up to date, aus der gewünschten Wallfahrt wurde aber nichts. Die Reformation verhinderte die große Abzocke. Wodurch freilich auch die eben errichtete Heilig-Grab-Kapelle zur Investruine wurde. Obendrein hat nun Dirk Schumann festgestellt, den nicht wenige als den Einstein der märkischen Bauforschung loben, dass ihr elegantes Backsteingiebelwerk jünger ist als jenes der konkurrierenden (?) Wallfahrtskirche St. Annen im fünf Kilometer entfernten Alt Krüssow. „Dendrochronologische Untersuchungen der Dachkonstruktionen ergaben 1517 für Alt Krüssow und 1520 für Heiligengrabe.“ Drei Jahre Differenz, die gewiss nicht die Welt bewegen, aber durchaus die Kunstgeschichte der Prignitz. Dass beide Architekturen ohne die Wilsnacker Bauhütte undenkbar wären, steht indes weiter außer Frage. Alt Krüssow besitzt übrigens noch, was Heiligengrabe verloren hat: Ausstattung des Mittelalters. Wie den 1505 geschnitzten Annen-Altar, der in der Ausstellung zu bestaunen ist.

Heiligengrabe ist die komplettest erhaltene Klosteranlage Brandenburgs. Zu verdanken ist das der Widerständigkeit jener Nonnen, die sich nur dann auf Luthers Seite schlagen wollten, wenn ihnen vom Landesherrn im Gegenzug Besitz und Souveränität garantiert würden. Man stritt sich, wie Elisabeth Hackstein erhellend auflistet, bis 1549. Die Damen gewannen. Das Kloster wurde evangelisches Stift, später Schule, ergo: nie verlassen. Elisabeth Hackstein lebt heute dort. Wie Äbtissin Rupprecht. Inzwischen sind die Stiftsfrauen zu acht. Sie freuen sich über Besuch.



„Von blutenden Hostien ...“: Kloster Stift Heiligengrabe. Di-Sa 11-16 Uhr, So 12-16 Uhr. Bis 20. Dezember 2006.



Friederike Rupprecht (Hrsg.): Von blutenden Hostien, frommen Pilgern und widerspenstigen Nonnen. Lukas Verlag, 135 Seiten, 12 Euro.




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