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17.09.2005


Glaubensfragen


Drei Generationen. In Holz. Hübsch farbig gefasst. Klein-Jesus, Mutter Maria und Oma Anna, ein Familienbild gewissermaßen. Geschnitzt um 1500. Es lenkt alle Aufmerksamkeit auf sich. Es ist das schöne Herzstück eines Dorfkirchenaltars, der wiederum zu den schönsten seiner Art in Brandenburg gehört und normalerweise in Schorbus steht. In Potsdam gastiert er nur befristet. Genau so lange, wie die Schau „Gott in Brandenburg“ im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte dauert. Dafür, dass ihn die Gemeinde weglieh, bekommt sie ihn restauriert wieder zurück. Darum hat sich das Landesdenkmalamt anlässlich der musealen Präsentation gekümmert. Anna Selbdritt kehrt demnach in den Spree-Neiße-Kreis heim wie sie ihn vor 500 Jahren betreten hat.

Für Anne-Katrin Ziesak ist sie mehr als bloß ein attraktives Exponat. Gemeinsam mit der freundlichen Heiligen möchte die Ausstellungsmacherin demonstrieren, dass Brandenburg während und nach der Reformation kein Land der Bilderstürmer war. Mittelalterliches Kirchengut wurde nicht entsorgt, es wurde recycelt. „Das Schorbuser Retabel fügte man 1582 in einen neuen Altar ein“, erklärt die Mediävistin, „seitdem knien auf der Predella der evangelische Kirchenpatron samt Frau und Kindern.“ Wer das sieht, dem leuchtet ein, warum Eltern ihre Töchter immer noch am liebsten Maria oder Anna nennen.

Anne-Katrin Ziesak nimmt dieses Namensbrauchtum als Indiz für das, was sie wissenschaftlich auf den Begriff „Kulturprägung“ bringt. Und der entkommen auch die Märker unserer Tage nicht. Weshalb die Woche sieben Tage hat, warum sonntags nicht gearbeitet wird, Ostern und Weihnachten Feiertage sind, bleiben Fragen, die auch religionsresistente Brandenburger zu beantworten in der Lage sein sollten. Nicht, weil sie glauben sollen! Nur, weil sie’s wissen müssen! Christentum und Kirche, wird Fachfrau Ziesak grundsätzlich, seien landschafts- und menschenbildend gewesen. Um daran gebührend erinnern zu können, kommt ihr Brandenburgs aktuelle Kulturland-Saison „1000 Jahre Christentum“ zur rechten Zeit. Einer Zeit übrigens, der die Glocken von

1500 Kirchen zwischen Havel und Oder nach wie vor die Stunden schlagen. Weswegen das bronzene Geläut, welches die Besucher nun im Preußen-Haus empfängt, für Ziesaks kuratorischen Jahrtausendsprung steht.

Von der Wiege

bis zur Bahre

Nichts weniger als die „Portalausstellung“ zum Kulturland-Themenjahr hat sie hier bewältigt. „Uns interessierte, wie die Kirche das private und gesellschaftliche Leben der Bevölkerung strukturiert hat.“ Deshalb zog Anne-Katrin Ziesak den besagten 1000 Jahren zwi-

schen Christianisierung und (un-)christlicher Gegenwart die „Alltagsebene“ ein. Soll, flapsig formuliert, heißen: Kirche – und Küche. In sieben Kapiteln. Rein historisch ist das völlig korrekt. Denn es waren nun mal die Patres und Pastoren, welche die verbindlichen „Begleitprogramme“ für Geburt, Kindheit, Hochzeit, Arbeit, Alter, Krankheit, Tod und Trauer organisierten. Egal, ob katholisch, lutherisch oder reformiert. „Von der Wiege bis zur Bahre“, rafft es Anne-Katrin Ziesak zur Kapitelüberschrift. Rein chronologisch ist es freilich seltsam, dass die „Portalausstellung“ jetzt erst aufmacht. Nachdem das Themenjahr zu zwei Dritteln herum ist. Rein didaktisch ist es dafür sinnvoll, dass Ziesak & Co den Stoff im Wesentlichen chronologisch aufbereitet, gleichwohl inhaltlich geordnet haben. Eine museumspädagogische Mischkalkulation quasi.

Die fängt am Anfang an, mit der „Christianisierung“ also und dem frühesten christlichen Zeugnis, das je in der Region ausgebuddelt wurde: einem Gekreuzigten. Dieser Gottessohn en miniature ist eine um 950 benutzte Gussform, gefunden auf dem Spandauer Burgwall. Unter Christianisierung läuft aber auch die Organisation der Bistümer (Havelberg, Brandenburg und Lebus) und die Tätigkeit der geistlichen Orden, der bewaffneten und der waffenlosen. Erstere Sorte vertritt ein steinerner Johanniterritter aus dem westelbischen Werben. An Letztere erinnert eine franziskanische Kreuz-allegorie, ausgeborgt vom Erzbischöflichen Ordinariat in Berlin. Eingedenk der Tatsache, dass die Schau den evangelischen Landesbischof Wolfgang Huber zum Schirmherrn hat, ein echter Beitrag zur Ökumene.

Die direkt andockende Abteilung „Gottesverständnis und Frömmigkeit“ versucht eher

den theologisch-kulturgeschichtlichen Längsschnitt, indem zum Beispiel vorgeführt wird, dass für Leib und Blut Christi nichts zu teuer oder edel war. Beweisstück ist ein um 1250 in Magdeburg goldgeschmiedeter Abendmahlskelch, ebenfalls aus Werben. Kein Kelch ohne Patene. Der auf ihr abgebildete Schmerzensmann gehört zu den ikonografisch ältesten im Abendland. Im Weiteren bezeugt das 1514 gestiftete Rosenkranzbild der Familie Wins aus Frankfurt (Oder) praktizierte Marienverehrung und es ist zu lernen, dass nicht jeder „Tetzelkasten“ vom Ablasskrämer Tetzel befüllt wurde, sondern von nächstenliebenden Christen für gute Zwecke. Oder (Wilsnack-)Pilgern, die manchmal freilich lieber Walfischrippen opferten.

Edikte und

Brautkronen

„Gott bewahre“, wehrt Anne-Katrin Ziesak ab, „wir reißen keine Lücken in Kircheninventare, zerstören keine kunsthistorischen Zusammenhänge. Wir zeigen durchweg Objekte, die entweder in Museen verwahrt werden oder deponiert sind.“ Wie die beiden nach 1250 modellierten Heiligenfiguren aus der alten Wallfahrtskirche von Alt Krüssow in der Prignitz, die dort aus Sicherheitsgründen „abgestellt“ waren. Die gütliche Ausnahme von der Regel ist: Schorbus.

Womit wir in der mit „Reformation und Kirchenordnung“ übertitelten Koje angekommen wären. Die Veränderungen, welche Martin Luther in Brandenburg nach 1539 verursachte, beglaubigt zunächst dessen eigene Handschrift. In einer Luther-Bibel. Darüber hinaus ist jedoch auch in Visitationsakten zu lesen, wie streng Kurfürst Joachim II. die protestantische Kirchenordnung exekutierte. Dass sich der Landesherr als „Summus episcopus“ gerierte, der die Kirche leitete, die wiederum für die (christliche) Erziehung ihrer Mitglieder zu sorgen und die soziale Aufsichtspflicht auszuüben hatte, verbucht Anne-Katrin Ziesak unter der Rubrik „Von Gottes Gnaden“. Die entsprechenden Edikte liegen in einer Vitrine.

Kurioser mutet der brandenburgische Umgang mit „Tod und Ewigkeit“ an: Siehe das Kindertotenbild Caspars von Uchtenhagen. Siehe das Bahrtuch der Tangermünder Fischergilde. Siehe die Bernauer Totenkrone. Totenkronen wurden bei Ledigenbegräbnissen als Ersatz für die im Leben entbehrten Brautkronen verliehen.

Von den geistlichen Zuständen im 19. Jahrhundert erzählen Neuruppiner Bilderbögen, Geschichten aus der Diakonie eine Postkartenstrecke. Dass das heikle 20. Jahrhundert dann eine spezielle Herausforderung ist, hat Anne-Katrin Ziesak nicht abgeschreckt. Im Gegenteil, in Sachen Nationalsozialismus und Realsozialismus, von ihr als „Kirche in der säkularen Welt“ begriffen, erteilt sie Zeitzeugen das Wort. Die sind via Hörstationen über den Kirchenkampf gegen Hitler ebenso auskunftsfähig wie über die „Kirche im Sozialismus“ Honeckers. Durchaus kontrovers zudem, wie Ex-Konsistorialpräsident Manfred Stolpe und Ex-Propst Hans-Otto Furian bezüglich der DDR bestätigen.

Warum die Woche sieben Tage hat, erörtert die Ausstellung. Oder das Begleitbuch. Ein Blick in die Bibel kann allerdings auch nie schaden. In diesem Fall: Erstes Buch Mose, Kapitel eins und zwei.





„Gott in Brandenburg – Zeugnisse christlicher Kulturprägung“: Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte/Kutschstall, Am Neuen

Markt 9, Potsdam. Di-So 11-18 Uhr, Mi 11-20 Uhr. Bis 8. Januar 2006.



Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (Hrsg.): Gott in Brandenburg. Christliche Lebenszeugnisse aus 12 Jahrhunderten. Lukas Verlag, 208 Seiten, 19,80 Euro. In der Ausstellung 17,80 Euro.




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